Rechtes Handeln (Pali: Sammā Kammanta) ist das vierte Glied des Edlen Achtfachen Pfades und das ethische Fundament buddhistischer Praxis. Im Kern stehen drei Enthaltungen: kein Töten, kein Nehmen dessen, was nicht gegeben ist, kein sexuelles Fehlverhalten erweitert in den Fünf Silas und im Prinzip des Ahiṃsā (Nichtverletzen). Buddhistische Ethik ist dabei keine Regelerfüllung: Richtiges Handeln ergibt sich aus dem Verstehen, wie Leiden entsteht.
Das vierte Glied des Edlen Achtfachen Pfades heißt Rechtes Handeln. Im Pali-Kanon wird es im Wesentlichen über drei Grundprinzipien beschrieben, die wie drei Tore sind. Wer richtig handeln will, sollte zusehen, dass die Handlung durch alle drei Tore passt.
- Enthaltung vom Töten, Schützen von Leben. Das meint alle Lebewesen, nicht nur Menschen. Der Rahmen ist weit. Wie weit, das ist eine Frage, die jeder mit sich selbst klären muss.
- Enthaltung vom Nehmen, was nicht gegeben wurde. Diebstahl im wörtlichen Sinne ist der offensichtliche Teil. Der weniger offensichtliche: die Zeit anderer in Anspruch nehmen, ohne zu fragen. Lob für Arbeit einstreichen, die andere geleistet haben. Geistiges Eigentum. Aufmerksamkeit ohne Erlaubnis.
- Enthaltung von sexuellem Fehlverhalten. Handlungen, die anderen Menschen in Beziehungen schaden – durch Täuschung, Übergriff, Machtmissbrauch.
Diese drei Enthaltungen ergeben sich wie bei der Rechte Rede ganz von selbst, wenn man verinnerlicht hat, wie Leiden entsteht.
Richtig handeln: Ethik als Fundament
Im weiteren Kontext der buddhistischen Ethik werden die fünf Silas – die fünf Übungsregeln – als beschrieben. Sie umfassen die drei oben genannten Enthaltungen und fügen hinzu:
- Enthaltung von Lüge. Überschneidung mit Rechter Rede, aber auch als eigenständige Handlungsdimension: Wahrhaftigkeit als eine Haltung, die sich nicht nur in der Sprache ausdrückt.
- Enthaltung von berauschenden Mitteln. Nicht als Abstinenzregel per se, sondern weil Bewusstseinsveränderung durch Substanzen die Achtsamkeit untergräbt, die alle anderen Silas (Üungen) erst möglich macht.
Richtiges handeln, bzw. „Rechtes Handeln“ entspringt aus Weisheit: Wer weise ist, handelt automatisch ethisch. Aber wer nicht ethisch handelt, kann nicht weise werden. Weisheit und Ethik bedingen sich also gegenseitig: Du kannst schlecht ruhig meditieren, wenn du Angst davor haben musst, dass eine Lüge auffliegen wird. Ein großer Tantra-Meister namens Padmasambhava sagte:
„Meine Sichtweise ist so weit ist wie der Himmel, aber meine Ethik ist so fein wie Mehl“.
Ein geschätzer Lehrer formulierte es so: „Inside a hippie, outside a yuppie“

Richtig handeln heißt nicht „nett sein“
Gewaltlosigkeit – Ahimsa – ist ein Begriff, der im westlichen Kontext oft missverstanden wird. Er bedeutet nicht: alles hinnehmen, keine Grenzen zu setzen, ein Fußabtreter zu sein.
Im Pali-Kanon wird Ahimsa auf drei Ebenen beschrieben:
- Körperlich: keine physische Gewalt. Das ist der klarste und einfachste Teil.
- Verbal: keine verletzenden Worte. Überschneidung mit Rechter Rede – hier wird deutlich, wie die Glieder des Pfades ineinandergreifen.
- Mental: keine hasserfüllten Gedanken. Das ist der schwierigste Teil, weil er im Verborgenen passiert.
Was Ahimsa nicht ist: Passivität. Man kann Grenzen setzen, ohne zu hassen. Man kann Nein sagen, ohne Gewalt anzuwenden. Man kann eine schädliche Situation verlassen, ohne jemandem Böses zu wünschen. Die aktive Form von Ahimsa ist sogar noch klarer formuliert: Leben schützen, Gutes tun, heilsame Worte finden. Das Gegenteil von Gewalt ist Mitgefühl in Aktion.
Richtig handeln üben, undercover Bodyguard werden
Der Regenwurm auf dem Gehweg. Die Spinne im Bad. Der Hilfesuchende Nachbar. Das sind alles Gelegenheiten um richtig zu handeln. Schütze aktiv durch eine körperliche Handlung Lebewesen davor, Leid empfangen zu müssen: Rette den Regenwurm vom Gehweg. Setze die Spinne aus dem Fenster. Halte die Tür auf. Lass das Auto passieren. Dein Mitgefühl auf dem Meditationskissen nützt gar nichts, wenn du danach aus Achtlosigkeit Regenwürmer zertrittst. (Ehrlich, es gibt soviele Gründe, auf Regenwürmer acht zu geben. Es werden immer weniger, was inzwischen wirklich gefährlich ist, weil sie überaus wichtig für den Boden sind. Tatsächlich, bücke ich mich allein deshalb jedes Mal – wenn keiner hinguckt – um sie aufzuheben und ins Gras zu setzen. Es ist spleenig. Aber nötig!)
Was wir nehmen, ohne zu fragen
Ich stehle nicht, ich copy-paste keine fremden Texte, ich zahle meine Rechnungen. Fertig.
Aber was ist mit: Die Zeit anderer in Anspruch zu nehmen, ohne zu fragen? Paywall umgehen, um Artikel zu lesen? Ideen, Formulierungen, Konzepte, als die eigenen auszugeben? Und mit:
Beziehungen aus Bequemlichkeit.
Gemeint ist: Beziehungen, in denen man bleibt, weil der Abgang unbequem wäre. Das ist auch eine Form von „Nehmen, was nicht gegeben wurde“ – nämlich die Klarheit für den anderen. Wer in einer Beziehung bleibt, ohne ehrlich zu sagen, was ist, entzieht dem anderen die Möglichkeit, eine freie Entscheidung zu treffen. Es ist eine subtile Form von Besitzergreifung.
Das Konzept von „Adinnādānā“, also dem „Nehmen von dem, was nicht gegeben wurde“, reicht weiter, als es zunächst den Anschein hatte.
Warum Handlungen bleiben, auch wenn das Ich vergeht
Jetzt kommen wir in den fortgeschritteneren Bereich: „Wenn es kein festes Selbst gibt – was kümmern mich dann meine Handlungen? Was bleibt überhaupt?“
Es gibt eine Überlieferung, in der König Bimbisāra das fragt. Er wendet sich an den Buddha mit einer Variante dieser Frage: Wenn es kein dauerhaftes Selbst gibt – was wird wiedergeboren, was speichert die Taten?
Die Antwort ist ein Bild: „Das letzte Bewusstsein ist leer vom letzten Bewusstsein, die Wanderung nach dem Tod ist leer von einer Wanderung – und doch manifestieren sich Handlungen, ohne verloren gegangen zu sein. Wie ein Traum, aus dem man erwacht und dennoch ein Gefühl trägt – so wirken Handlungen über das momentane Bewusstsein hinaus.“
Das Ich, das handelt, ist flüchtig. Die Handlung selbst ist es nicht. Sie hinterlässt eine Spur im Gewebe der Bedingungen, die das nächste Erleben formen. Wer das verstanden hat, handelt anders weil sie und er begreifen, dass keine Handlung spurlos bleibt. Dazu mehr im Artikel [Was ist Karma?], der diesen Zusammenhang ausführlich entfaltet.
Denken und richtig handeln
Im Workbook fordere ich dazu auf, sich eine Handlung vorzunehmen und sie wie folgt zu untersuchen:
Vor der Handlung: Führt das, was ich vorhabe, zur Schädigung – von mir, von anderen, von beiden?
Während der Handlung: Überprüfe, ob die Handlung im Einklang mit deinen Überzeugungen ist.
Nach der Handlung: Was ist tatsächlich passiert? Habe ich jemandem geschadet?
Die Übung soll mit der Zeit eine Bewusstheit schaffen, die mit der Zeit zu einer Haltung wird.
Was das mit dir zu tun hat
Rechtes Handeln steht im Zentrum der drei Ethik- (Sīla) Glieder des Edlen Achtfachen Pfades. Es ist der Ort, an dem Überzeugung zur Praxis wird. Die Fünf Silas geben keine fertigen Antworten auf Fragen wie: Welches Fleisch? Welche Arbeit? Welche Steuern? Der Achtfache Pfad ist kein Entscheidungsbaum. Er ist eine Haltung der Untersuchung: Was schadet dem Wesen, das ich bin, und dem, das du bist, weniger? Und was ist mit dem Rest? Dies ist der Grund, warum Weisheit der erste Pfadabschnitt auf dem Edlen Achtfachen Pfad ist. Zum Abschluss eine Geschichte:
Der Heilige, der zum Mörder wurde
Dies ist die Geschichte eines Bodhisattva (ein Wesen, das geschworen hat, solange wiedergeboren zu werden, bis alle Wesen die Befreiung gefunden haben) der in einer früheren Existenz als Kapitän ein Schiff mit fünfhundert Kaufleuten über das Meer steuerte. Unter den Passagieren befand sich ein Räuber, der plante, alle Kaufleute an Bord grausam zu ermorden, um an deren Reichtümer zu gelangen. Durch seine spirituelle Hellsichtigkeit erkannte der Kapitän das finstere Vorhaben und geriet in ein tiefes, qualvolles Dilemma. Er wusste: Wenn er nichts unternahm, würden fünfhundert unschuldige Menschen sterben; wenn er den Räuber jedoch den Kaufleuten verriet, würden diese ihn im Zorn erschlagen und dadurch selbst schweres Karma auf sich laden. Aus reinem, selbstlosem Mitgefühl traf er eine radikale Entscheidung: Er beschloss, den Räuber selbst zu töten. Er war bereit, die karmischen Konsequenzen dieser schweren Tat und die damit drohenden Höllenqualen ganz allein auf sich zu nehmen, nur um die Kaufleute vor dem Tod und den Mörder vor der schlimmsten aller karmischen Taten zu bewahren. Um in dieser scheinbar ausweglosen Situation richtig handeln zu können, durfte er sich nicht hinter starren Dogmen verstecken, sondern musste die absolute Verantwortung für das Wohl aller Wesen tragen. Diese Tat war kein Bruch der Ethik, sondern die höchste, schmerzhafteste Form der Hingabe, denn der Bodhisattva begriff, dass richtig handeln manchmal bedeutet, das eigene spirituelle Schicksal zu opfern, damit andere gerettet werden.
Das ethische Fundament hinter dem Handeln: Was ist Karma? – warum Handlungen Konsequenzen haben, die über den Moment hinausgehen.
Was vor dem Handeln steht: Rechte Rede – das Wort als erste Manifestation der inneren Haltung.
Was nach dem Handeln geübt wird: Rechte Anstrengung – wie man das Gute kultiviert und das Schädliche loslässt.

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