Was ist das eine Buch, dass man unbedingt gelesen haben muss, um zu verstehen, worum es im Buddhismus geht? Was ist „die Bibel“ des Buddhismus, das Ticket ins Nirvana? Aus meiner Sicht das Dhammapada. Oder doch das Herz-Sutra? Oder vielleicht das Bodhicaryavatara? Es gibt im Buddhismus nicht „das Buch der Bücher“, stattdessen ein riesiges Angebot an Schriften und die Aufforderung, selbst zu denken. Aber der Reihe nach.
Hat der Buddhismus eine Bibel?
Nein. Der Buddhismus hat keine Bibel und keinen Koran, also kein einzelnes autoritatives Buch. Die älteste vollständig erhaltene Sammlung ist der Pali-Kanon (Tipiṭaka), die kanonische Textsammlung der Theravāda-Tradition. Mahāyāna und Vajrayāna arbeiten zusätzlich mit eigenen, teils deutlich umfangreicheren Sammlungen. Ein für alle Buddhisten verbindliches Buch existiert nicht.
Aufgewachsen in einer Kultur, in der Religion zu einem Buch verdichtet wird, ist es gewöhnungsbedürftig vor Regalmetern mit Büchern zu stehen. Allein der Pali-Kanon umfasst in der thailändischen Standardausgabe, 45 Bände, die in drei „Körbe“ unterteilt sind: Ordensregeln, Reden, Systematik. Dazu gleich mehr.
Was ist der Pali-Kanon und warum heißt er „drei Körbe“?
Tipiṭaka heißt wörtlich „drei Körbe“. Der Vinaya-Piṭaka enthält die Ordensregeln, der Sutta-Piṭaka die Lehrreden des Buddha und seiner Schüler, der Abhidhamma-Piṭaka eine systematische Analyse von Geist und Erfahrung. Die Bezeichnung stammt von den Palmblattbündeln, auf denen die Texte verfasst wurden. Für die Praxis ist fast ausschließlich der zweite Korb relevant.
Palmblätter? Ja.
Palmblätter wurden beschriftet, gelocht, auf Schnüre gezogen und in Körben getragen. Daher Tipiṭaka.
Der erste Korb, der Vinaya, regelt das Kloster-, bzw. Ordensleben. Die Detailtiefe ist faszinierend…
… grotesk.
Es gibt Regeln über die für einen Mönchen angemessene Höhe des Bettes, darüber, wie groß der Happen sein darf, den ein Mönch in den Mund nimmt (nicht größer als ein Pfauen-Ei) und es ist auch untersagt, sich Essen spielerisch in den Mund zu werfen. Dass diese Dinge festhaltenswert gewesen sind, sagt viel über die Gepflogenheiten in der damaligen Zeit aus.
Der dritte Korb, der Abhidhamma, ist die spätere systematische Durchdringung. In ihm werden Erfahrung(en) in kleinste Einheiten zerlegt und in Begriffe gefasst. Er bietet ein Instrumentarium, Erfahrungen zu analysieren und die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist. Das ist zumindest der Anspruch.
Bleibt der zweite Korb, in dem die Lehr-Reden des Buddha gesammelt sind. Auch wenn das keine präzise Aussage ist: Der „Vibe“ des Buddhismus steckt hier. Zumindest für Leute, die sich dem Theravāda zurechnen. Generell sollte aber jede*r, der/die sich eingehend mit dem Buddhismus beschäftigt, ein zumindest elementares Verständnis des Pali-Kanon haben. Denn selbstverständlich beziehen sich auch viele Mahāyāna und Vajrayāna Texte auf die „drei Körbe“. Weil das so ist, hier etwas „Pali-Logie“.
Was bedeuten SN, MN, DN und AN?
Das sind die Abkürzungen der fünf Sammlungen im Sutta-Piṭaka: DN steht für Dīgha Nikāya (lange Reden), MN für Majjhima Nikāya (mittlere Reden), SN für Saṃyutta Nikāya (nach Themen gruppierte Reden), AN für Aṅguttara Nikāya (nach Zahlen geordnete Reden) und KN für Khuddaka Nikāya (kürzere Texte, darunter das Dhammapada). Die Zahl dahinter bezeichnet die Stelle innerhalb der Sammlung.
Ich empfehle, diese Abkürzungen zu lernen. Das ist ehrlicherweise eher eine „Frage der Ehre“, als eine tatsächliche Notwendigkeit. Es reicht, „MN 10, Sutta“ bei seiner Suchmaschine einzugeben, um dann den richtigen Text zu bekommen. Zu wissen, dass „MN“ „Majjhima Nikāya“ bedeutet, was wiederum „mittlere Reden“ heißt, hilft im Laufe der Zeit, ein Verständnis für Inhalte und Kategorisierung zu bekommen.
DN | Dīgha Nikāya | die 34 langen Reden
MN | Majjhima Nikāya | die 152 mittleren Reden
SN | Saṃyutta Nikāya | nach Themen gruppiert, in 56 Kapiteln
AN | Aṅguttara Nikāya | nach Zahlen: alles Zweifache, alles Dreifache, alles Vierfache
KN | Khuddaka Nikāya | Kurztexte, darunter Dhp (Dhammapada), Snp, Ud, Iti, Thag, Thig
Und so liest man die Ziffern:
MN 10 – Majjhima Nikāya, die zehnte Rede. Das Satipaṭṭhāna-Sutta, die Grundlage von allem, was heute Achtsamkeit heißt.
SN 56.11 – Saṃyutta Nikāya, 56. Kapitel, elfte Rede darin. Die erste Lehrrede überhaupt, die mit den Vier Edlen Wahrheiten.
AN 4.180 – Aṅguttara Nikāya, Vierergruppe, 180. Rede. Dazu unten mehr.
Dhp 183 – Dhammapada, Vers 183. Das Dhammapada ist ein Gedichtband und aus meiner Sicht ein hervorragender Einstieg für alle, die Originalquellen lesen wollen.
Beim Aṅguttara lohnt es, kurz innezuhalten, weil das Ordnungsprinzip so außergewöhnlich und bezeichnend für viele Inhalte des Buddhismus ist, der tatsächlich eher analytisch als mystisch ist. Denn die Sammlung ist nach Zahlen sortiert. Alles, wovon es vier gibt, steht in der Vierergruppe: Vier Edle Wahrheiten, vier Grundlagen der Achtsamkeit, vier große Bezugspunkte.
Hat der Buddha seine Reden selbst aufgeschrieben?
Nein. Der Buddha hat nichts geschrieben. Die Lehrreden wurden nach seinem Tod mündlich gesammelt: Beim ersten Konzil in Rājagaha trug Ānanda die Reden vor, Upāli die Ordensregeln (Kd 21). Verschriftlicht wurde der Kanon nach der Überlieferung der ceylonesischen Chroniken erst um 29 v. u. Z. auf Sri Lanka, rund vier Jahrhunderte später.
Die Texte zeigen deutlich, dass sie in aus einer oralen Kultur stammen, in der die Verschriftung eher die Ausnahme gewesen ist.
Die endlosen Wiederholungen, die beim ersten Lesen ermüden, sind eine Art Speichertechnik. Formelhafte Passagen, die in Dutzenden Reden wortgleich vorkommen. Nummerierte Listen, einprägsamer Rhythmus – der Kanon ist so verfasst, dass er sich gut merken lässt. Das war die Aufgabe von Spezialisten, die jeweils eine Sammlung verantworteten, sie gemeinsam rezitierten und sich gegenseitig korrigierten.
Ist der Pali-Kanon wirklich das, was der Buddha gesagt hat?
Im Pali-Kanon selbst wird diese Frage vorweggenommen: Im Mahāpadesa-Sutta (AN 4.180) heißt es, man solle eine Aussage weder annehmen noch verwerfen, sondern prüfen, ob sie sich in die überlieferten Lehrreden einfügt und in der Ordensregel wiederfinden lässt. Nicht Autorität entscheidet, sondern Kohärenz.
Im Sutta wird beschrieben, dass selbst wenn sich jemand auf den Buddha persönlich beruft, die entsprechende Aussage, nach ihrer Stimmigkeit mit dem Gesamtkontext überprüft werden soll.
„Ihr sollt die Aussage dieses Mönchs weder begrüßen noch ablehnen. Stattdessen sollten diese Worte und Ausdrücke, wenn ihr sie sorgfältig auswendig gelernt habt, in die Lehrrede passen und in der Schulung ersichtlich sein.“
Ein Text, der Textkritik anordnet. Der Kanon sagt über sich selbst: Prüf mich gegen mich.
Womit fange ich an, wenn ich den Pali-Kanon lesen will?
Das Dhammapada ist ein guter Einstieg. Danach einzelne Reden aus dem Majjhima Nikāya, die eine überschaubare Länge haben. Der Saṃyutta Nikāya lohnt, wenn man einem bestimmten Thema nachgehen will, weil er thematisch sortiert ist.
Schnapp dir ein Thema, das dich gerade beschäftigt und suche passende Reden dazu. KI kann dir dabei helfen: Ich habe gerade Liebeskummer, Stress im Job, morgen Geburtstag, will unbedingt zum Taylor Swift-Konzert, welches Sutta aus dem Pali-Kanon sollte ich unbedingt lesen? Und wie schon gesagt: Ich bin ein großer Fan des Dhammapada (und des Bodhicaryavatara von Shantideva. Das hat aber nichts mit dem Pali-Kanon zu tun)
Was lesen Mahāyāna und Vajrayāna Anhänger*innen?
Beide Traditionen anerkennen den frühen Textbestand und zusätzliche weitere Sammlungen. Im ostasiatischen Raum steht der chinesische Kanon mit den Āgamas, die den Pali-Nikāyas weitgehend entsprechen, dazu die Mahāyāna-Sūtras wie das Herz-Sūtra oder das Lotos-Sūtra. Im tibetischen Raum umfasst der Kanon den Kangyur (Buddha zugeschriebene Texte) und den Tengyur (Kommentare). Der Pali-Kanon ist also nicht der Kanon des Buddhismus, sondern einer von mehreren.
Über die Authentizität der Schriften wird mehr oder weniger heftig debattiert. Nach der Theravāda-Position werden nur die Texte des Pali-Kanon als authentischer Buddhismus akzeptiert. Die späteren Sutras sind demnach Beifügungen. Aus Sicht des Mahāyāna sind die Sūtras nicht nachträglich erfunden wurden, sondern eine Entfaltung dessen, was angelegt war: teils mit der Begründung, sie seien bewusst zurückgehalten worden, bis die Zeit „reif“ ist. Fakt ist, dass die Mönche der zahlreichen buddhistischen Schulen oft zusammengelernt und debattiert haben.
Wo kann ich buddhistische Suttas auf Deutsch lesen?
Auf SuttaCentral, kostenlos und ohne Anmeldung. Die umfangreichste durchgängige deutsche Übersetzung stammt von Sabbamitta, ältere Übertragungen von Nyanatiloka sind ebenfalls verfügbar, den Vinaya haben Schäfer und Beyerlein übersetzt. Die englische Standardfassung von Bhikkhu Sujato steht daneben und lässt sich Absatz für Absatz danebenlegen. Alle Texte sind gemeinfrei oder unter freier Lizenz.
Praktisch heißt das: Du gibst in die Adresszeile `suttacentral.net/mn10` ein und bist da. Keine Paywall, kein Newsletter, kein „Jetzt Zugang sichern“. Für ein Textkorpus, an dem zweitausend Jahre gearbeitet wurde, ist das eine bemerkenswert unaufgeregte Angelegenheit.
Ein Hinweis zu den Übersetzungen: Dukkha wird bei dem einen zu „Leiden“, beim anderen zu „Schmerz“, beim dritten bleibt es stehen. Wer nur eine Übersetzung liest, liest immer auch eine Deutung mit.
Vierhundert Jahre haben Menschen diese Texte im Kopf behalten und einander vorgesagt. Wir können sie heute einfach in einem Browsertab öffnen. Wir leben wirklich in goldenen Zeiten.
FAQs – Heilige Schrift des Buddhismus
Was ist der Unterschied zwischen Sutta und Sutra?
Sutta ist Pali, Sutra ist Sanskrit – dasselbe Wort in zwei Sprachen. Als Faustregel: Texte aus dem Pali-Kanon der Theravāda-Tradition heißen Sutta, Texte des Mahāyāna heißen Sūtra. Wer vom Herz-Sūtra spricht, meint einen Mahāyāna-Text; wer MN 10 zitiert, meint ein Sutta.
Was ist das Tipitaka?
Tipiṭaka ist der Pali-Name des buddhistischen Kanons und heißt „drei Körbe„: Vinaya-Piṭaka mit den Ordensregeln, Sutta-Piṭaka mit den Lehrreden, Abhidhamma-Piṭaka mit der systematischen Lehranalyse. Die Sanskrit-Form lautet Tripiṭaka. Beide bezeichnen dieselbe Dreiteilung.
Wie viele Bände hat der Pali-Kanon?
Das hängt von der Ausgabe ab. Die thailändische Standardausgabe umfasst 45 Bände, die burmesische 40. Der Umfang liegt insgesamt bei mehreren Millionen Wörtern und übersteigt den der Bibel um ein Vielfaches. Eine verbindliche Bandzahl gibt es nicht.
Sind die buddhistischen Schriften Offenbarungen?
Der Pali-Kanon versteht sich nicht als göttliche Offenbarung, sondern als Überlieferung dessen, was ein Mensch durch eigene Einsicht erkannt und dann gelehrt hat. Deshalb enthält er auch Anweisungen zur Prüfung seiner eigenen Inhalte, etwa im Mahāpadesa-Sutta. Allerdings gibt es Mahāyāna Schriften, die geoffenbarten Charakter haben. Beispielsweise gibt es Schriften, die vom zukünftigen Buddha „diktiert“ wurden sind.

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