Collage eines Meditierenden. Im Hintergrund Zeitungsschnipsel, die Katastrophen zeigen. Symbolbild gegen toxische Achtsamkeit

Toxische Achtsamkeit und fatale Eigenverantwortung

Avatar von Sven

Kurzer „Disclaimer“ vorab: In diesem Kommentar geht es ausdrücklich nicht um die im Rahmen von Schmerz- und Stressbewältigung gelehrten Achtsamkeitspraktiken der MBSR. Das sind wertvolle und wirksame Verfahren.

Ein Mental Health Workshop mit deinem Boss

Achtsamkeit ohne buddhistische Philosophie ist ein Mental Health Workshop mit deinem Boss. Hmm, das klingt nicht so übel, wie es eigentlich klingen sollte. Also, knapp, aber richtig auf den Punkt gebracht: Achtsamkeit, so wie sie mir mit anekdotischer Evidenz auf sozialen Medien begegnet, ist toxisch.

Du kannst deine Probleme nicht wegatmen.

Dein „Mindset“ und du, ihr seid nicht 100prozentig dafür verantwortlich, dass du jetzt [Platzhalter für deine aktuell negativen äußeren Umstände] erlebst.

Das Achtsamkeitsverständnis, das auf den sozialen Medien geteilt und auf mehr oder weniger ästhetischen Fotos inszeniert wird, ist eine Art spiritueller Doppel-Whopper: es verspricht satt zu machen, stillt den Hunger aber nicht wirklich und führt auf Dauer zu einer Reihe chronischer Ungesundheiten.

Und das Ärgerlichste daran: Diese Art Achtsamkeit hat nichts mit Buddhismus zu tun. (Worum es dabei im Buddhismus geht, steht hier auf diesem Blog)

McMindfulness

„McMindfulness“ – so der Titel eines 2019 erschienenen Buchs – ist daher ein passender Name für eine entkernte Praxis, die vor 2.500 Jahren entwickelt oder wiederentdeckt und im Satipaṭṭhānasutta festgehalten wurde.

Keine Sorge. Das geht jetzt nicht in diese Richtung: „Wer hat’s erfunden? Die Buddhisten“. Nach dem Motto: Wer „Achtsamkeit“ sagt, muss auch die Vier Edlen Wahrheiten des Buddhismus rezitieren können.

Is mir egal

Achtsamkeit ist kein Wert an sich

Das Problem mit der McMindfulness-Achtsamkeit ist ein anderes: Auch ein Scharfschütze ist achtsam. „Achtsamkeit“ ist kein Wert an sich, sondern ein Mittel zum Zweck. Im Buddhismus, um Einsichten zu gewinnen, weiser zu werden und letztlich die illusionäre Natur des „Selbst“ und aller Phänomene gleich mit aufzudecken.

Aber nicht, um dies zu tun:

Ein zufrieden grinsende langhaariger Mann, auf einen Stab gestützt. Über ihm steht, nach Jahren der Achtsamkeit : Yes I finally killed my ego now I'm better than everyone else.

Sondern, um aktiv zum Wohl der Wesen zu handeln.

H-A-N-D-E-L-N.

Aber eben weise.

Die fatale Eigenverantwortung

Es geht nicht darum, sich gegen äußere (und innere) Missstände zu sedieren, weil: Ist ja eh alles vergänglich und verschwindet, wenn ich mich davon distanziere und nicht anhafte. Korrupte Konzernbosse, die unseren Planeten ruinieren, sind sehr real. Sollte es wirklich Billionäre geben? Sind die Aussichten, dass der Sommer 2026 in Zukunft als einer der kühleren gelten wird, wirklich so, dass man es beim Ein- und Ausatmen belassen sollte? Wollen wir – willst du – die Übergriffigkeiten deines Bosses wirklich mit deinem falsch justierten Mindset entschuldigen? Okay, so masochistisch sind sicher die Wenigsten. Aber wenn man sich die Verkaufszahlen von Selbstoptimierungsgedöns so anschaut, sind doch sehr viele Menschen bereit, an sich zu arbeiten, um die Extrameile auch nach der 60-Stunden-Woche zu schaffen. (Care-Arbeit inklusive.)

Die Kritik kommt von links und mit Recht

Hier kommt die Achtsamkeit ins Spiel, die glücklicherweise kritisiert wird. In erster Linie von „Links“.

So kritisiert der Managementforscher Ronald E. Purser in „McMindfulness“, dass Achtsamkeit im Neoliberalismus aus ihrem ethischen und gemeinschaftlichen Kontext gerissen wurde. Sie fungiert primär als Werkzeug zur Ich-Optimierung, Selbstüberwachung und inneren Nabelschau und verstärkt so den neoliberalen Hyperindividualismus.

Der philosophische Alleinunterhalter Slavoj Žižek stellte schon 2001 in From Western Marxism to Western Buddhism fest, dass der westliche Buddhismus/Achtsamkeit eine perfekte ideologische Ergänzung des globalen Kapitalismus ist: Er erlaubt es dem Subjekt, voll im System zu funktionieren, während das Ich sich in eine scheinbar distanzierte, selbstgefällige innere Festung zurückzieht.

Und nun ist ein neues Buch veröffentlicht worden, das sich kritisch mit der Achtsamkeit auseinandersetzt: „Achtsam geht die Welt zugrunde“ von der ehemaligen Journalistin des Hessischen Rundfunks, Kathrin Fischer. Untertitel: „Wie die Ideologie der Achtsamkeit gesellschaftlichen Wandel blockiert“ (Hanser, April 2026). Ich habe den Titel eben erst in der Bücherhalle vorbestellt und noch nicht gelesen. (Aber einiges darüber, auch gehört, auf ihrem Podcast.) Der Promo-Text sagt: „Achtsamkeit ist längst nicht mehr bloß eine persönliche Praxis, sondern hat sich zur Ideologie entwickelt, die gesellschaftliche Missstände individualisiert, negative Gefühle als unzulässig darstellt und die Gesellschaft weiter spaltet.“

Der blinde Fleck

Die Kritik an dieser „McMindfulness“-Achtsamkeit kann gar nicht oft genug geäußert werden. Schade ist nur, dass die Kritiker*innen der Achtsamkeit eine Sache übersehen:

Sie hat nichts mit Buddhismus zu tun.

Insofern irritiert es, dass auf Kathrin Fischers Buch der Buddha abgebildet ist. Immerhin bestritt der Buddha genau das, was McMindfulness voraussetzt: dass die Ordnung der Welt in Ordnung ist. Wer in seinen Orden eintrat, verlor seine Kaste. Brahmanen und Unberührbare wurden  gleich – ein Skandal in einer Gesellschaft, die auf dem Gegenteil gebaut war.

Diese Kritik gibt es im Haus schon lange

Innerbuddhistische Kritik an einem falschen Praxisverständnis, das sich in die Privatheit zurückzieht, äußern Buddhisten immer wieder. Ein Klassiker ist „Spirituellen Materialismus durchschneiden“ von Chögyam Trungpa, auf Deutsch zuerst 1975 erschienen.

2019 erschien „Be Angry! Die Kraft der Wut kreativ nutzen“ – ein Interviewbuch des japanischen Anthropologen Noriyuki Ueda mit dem Dalai Lama –, in dem es um den Aspekt des „zornigen Mitgefühls“ geht.

„Achtsamkeit“ an sich ist nicht das Problem. Toxisch ist die Achtsamkeit, die als McMindfulness zu bulimischen Egos oder zu ausgebrannten Existenzen führt. Das ist aber nicht die Achtsamkeit, die der Buddha gelehrt hat.


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