Illustration von einem Mann, der mit einem Regenschirm im Zimmer sitzt – Leben ist Leiden

Leben ist Leiden – aber kein Grund zur Sorge

Avatar von Sven

„Leben ist Leiden“ hat der Buddha so nie gesagt, es ist der hartnäckigste Fehlübersetzungs-Slogan des Buddhismus. Was der Pali-Kanon lehrt: Dukkha (Leiden, Unzulänglichkeit) ist eine Tatsache bedingten Daseins, keine Lebensbejahung oder -verneinung. Die erste Edle Wahrheit diagnostiziert Dukkha, die zweite nennt die Ursache (Taṇhā, Durst), die dritte dessen Ende, die vierte den Weg. Buddhismus ist damit kein Pessimismus, sondern ein Behandlungsplan.

„Leben ist Leiden“, ist der inoffizielle Slogan des Buddhismus. Hat er das so gesagt? Nein. Hat er es gemeint? Fragen wir ihn selbst und erfahren etwas später, was Netflix dazu sagt:

Eine Frau namens Visakha kommt in nasser Kleidung und mit nassen Haaren zum Buddha. Ihre Enkelin Datta ist gestorben, und der Schmerz hat sie über die Stadt getrieben, ohne dass sie merkt, wie nass sie geworden ist. Der Buddha fragt:

„Visakha, möchtest du so viele Söhne und Enkel haben, wie es Menschen in Savatthi gibt?“

„Ja, Herr, das möchte ich.“

„Wie viele Menschen sterben täglich in Savatthi?“

„Viele, Herr. Zehn, oder fünf … Savatthi ist niemals frei von Tod.“

„Würde dann jemals eine Zeit vergehen, in der deine Kleidung und dein Haar nicht nass wären?“

„Nein, Herr. Genug, Herr, mit so vielen Söhnen und Enkeln.“

Tuschzeichnung von einer Frau mit nassen Kleidern und mit nassen Haar

Dann spricht er den Vers, der diese Episode im Udāna (8.8) berühmt gemacht hat:

„Diejenigen, die hundert Lieben haben, haben hundert Leiden. Diejenigen, die neunzig Lieben haben, haben neunzig Leiden. […] Diejenigen, die eine Liebe haben, haben ein Leiden. Diejenigen, die keine Liebe haben, haben kein Leiden. Sie sind sorgenfrei, leidenschaftslos und ohne Verzweiflung, sage ich.“

Hasst der Buddha Menschen? Sind Buddhisten zynische Ignoranten mit Räucherstäbchen in Händen und einem flotten Chant auf den Lippen?

Bei allem, was mir heilig ist, schwöre ich: Nein, so ist es nicht. Es ist einfach eine sehr unglückliche Übersetzung.

Auf der reinen Wortebene von – in dem Fall Pali, das gilt aber auch für Sanskrit – und dann, als ein viel größeres Problem, auf der kulturellen und natürlich damit auch auf der zeitlichen Ebene. Wir haben es hier mit Texten zu tun, die über 2000 Jahre alt sind. Und vor allem haben wir es mit einer fundamentalen Wahrheit zu tun: Was entsteht, vergeht.

„Leben ist Leiden“ ist die Death Metal Version dieses eher nüchternen Sounds.

Hat Buddha wirklich „Leben ist Leiden“ gesagt?

Nein, nicht wörtlich. Im Pali-Kanon sagt der Buddha nirgends, dass „das Leben Leiden ist“ – die Erste Edle Wahrheit (SN 56.11) zählt konkrete Erfahrungen auf, die Dukkha sind: Geburt, Alter, Krankheit, Tod, Verlust. Das Leben als Ganzes steht nicht auf dieser Liste. Allerdings ist selbst diese Lesart unter buddhistischen Lehrern umstritten: Manche argumentieren, die fünf Daseinsgruppen (Khandhas) deckten ohnehin alles ab, was ein Leben ausmacht – womit der Unterschied am Ende kleiner wäre, als er klingt.

Hier wird es interessant und kontrovers, sogar innerhalb der buddhistischen Community selbst.

 Bodhipaksa (Betreiber von fakebuddhaquotes.com und Angehöriger des Triratna-Ordens, ) hat dem Satz „Life is suffering“ einen eigenen Artikel gewidmet, weil er dem Buddha ständig untergeschoben wird. Seine Kernaussage:

„The Buddha never said that ‚life is suffering,‘ just that there is suffering in life. […] Nowhere – not in that scripture or in any other – does the Buddha say that life is suffering or that everything is suffering.“

Sein Argument: Die Erste Edle Wahrheit (SN 56.11) zählt konkrete Erfahrungen auf, die Dukkha sind – Geburt, Alter, Krankheit, Tod, Trennung von Liebem. „Leben“ selbst steht nicht auf dieser Liste.

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    Bodhipaksa verweist außerdem auf eine Anekdote aus der Kommentarspalte seines eigenen Blogs: Ein Leser fand den frühesten nachweisbaren Beleg für den Spruch „pain is inevitable, suffering is optional“ – sprachlich verwandt mit „Leben ist Leiden“ – nicht beim Buddha, sondern bei einer Autorin namens Kathleen Casey Theisen, datiert auf die frühen 1980er-Jahre. (Der Spruch wurde im Westen vor allem durch Haruki Murakamis Buch Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede weltberühmt, wo es sein Mantra beim Marathonlaufen war. Meins war „Krawall und Remmidemmi“ von Deichkind)

    Bodhipaksa bekommt in seinem eigenen Kommentarbereich heftigen Widerspruch. Ein Leser namens Sebastian hält dagegen, mit Verweis auf dieselbe Sutta-Stelle:

    „In fact the first Noble Truth means, that ALL life is suffering. […] So everything that makes up a being falls under this category.“

    Sein Argument: Die „fünf Faktoren des Ergreifens“ (Pañcupādānakkhandhā), mit denen die Erste Edle Wahrheit endet, umfassen Körper, Gefühl, Wahrnehmung, Geistesformationen und Bewusstsein – also alles, was ein Lebewesen ausmacht. Wenn die fünf Khandhas Dukkha sind, und die fünf Khandhas das gesamte Erleben abdecken, dann ist der Unterschied zwischen „es gibt Leiden im Leben“ und „das Leben ist Leiden“ am Ende doch keiner. (Khandas sind die fünf grundlegenden Bausteine unserer Existenz)

    Bodhipaksa lässt das nicht auf sich sitzen. In seiner Erwiderung verweist er auf eine Reihe weiterer Sutten, die seiner Lesart nach zeigen, dass Dukkha, also Leiden im Pali-Kanon differenziert behandelt wird, nicht pauschal (Cetana Sutta, das Bahuvedaniya Sutta, das Sammaditthi Sutta, das Gaddula Sutta und SN 22.60) Sein Punkt: An all diesen Stellen unterscheidet der Buddha sehr genau zwischen angenehmen, unangenehmen und neutralen Erfahrungen (Vedanā) – wenn wirklich „alles“ Leiden wäre, bräuchte diese Unterscheidung gar nicht erst getroffen zu werden.

    Sebastian hält dagegen, dass genau diese Differenzierung kein Widerspruch zur „alles ist Dukkha„-Lesart sei, sondern nur zeige, wie Dukkha sich in unterschiedlicher Stärke zeigt und nicht, ob es vorhanden ist. Beide Seiten zitieren denselben Kanon und kommen zu entgegengesetzten Schlüssen, was zeigt, wie wenig trivial diese Frage tatsächlich ist.

    Eine Sache lässt sich allerdings sauber trennen: das Wort Dukkha von der deutschen Übersetzung „Leiden“. Dazu schreibt der amerikanische Mönch Thanissaro Bhikkhu, zitiert bei Bodhipaksa:

    „No single English word adequately captures the full depth, range, and subtlety of the crucial Pali term dukkha. […] As soon as you think you’ve found the single best translation for the word, think again.“

    Was Dukkha auf den drei Ebenen – Dukkha-dukkha (offensichtliches Leiden – Zahnweh), Viparīṇāma-dukkha (Leiden der Veränderung: Fernweh, Heimweh, Montag), Saṅkhāra-dukkha (grundlegende Unsicherheit) – tatsächlich bedeutet, habe ich ausführlich in einem eigenen Artikel aufgeschlüsselt: Dukkha – was der Buddha wirklich mit Leiden meinte. Hier soll es um etwas anderes gehen: darum, wie unterschiedlich verschiedene buddhistische Traditionen und spätere Leser mit dem Satz „Leben ist Leiden“ umgegangen sind.

    Was sagt der Pali-Kanon eigentlich über das Leiden?

    Im Dhammacakkappavattana Sutta (SN 56.11), seiner ersten Lehrrede, listet der Buddha auf, was Dukkha ist: Geburt, Alter, Krankheit, Sterben, Kummer und Verzweiflung, das Vereintsein mit Unliebem, das Getrenntsein von Liebem, das Nicht-Erlangen des Gewünschten – kurz, die fünf Daseinsgruppen des Ergreifens. Die Liste ist eine nüchterne Bestandsaufnahme, keine Anklage gegen das Leben. Entscheidend ist der Schlusssatz: Die Wurzel liegt im Ergreifen (upādāna) selbst, nicht in den Dingen.

    Zurück zum Originaltext, dem Dhammacakkappavattana Sutta (SN 56.11), der ersten Lehrrede des Buddha:

    „Dies nun, ihr Mönche, ist die edle Wahrheit vom Leiden: Geburt ist Leiden, Alter ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Sterben ist Leiden, Kummer, Jammer, Schmerz, Trübsinn und Verzweiflung sind Leiden; vereint sein mit Unliebem ist Leiden, getrennt sein von Lieben ist Leiden; was man verlangt, nicht erlangen, ist Leiden. Kurz gesagt: die fünf Faktoren des Ergreifens sind Leiden.“

    „Getrennt sein von Lieben ist Leiden“ – das ist das, was Visakha am Anfang dieses Artikels erlebt. Der Pali-Kanon beschönigt nichts. Er sagt nicht, dass Trauer falsch oder vermeidbar wäre. Er sagt: Wo Liebe ist, ist auch die Möglichkeit des Verlusts mitgeliefert. Das ist eher eine Diagnose, das Aufzeigen einer Konsequenz und definitiv keine Aufforderung, nicht mehr zu lieben. Der Buddha tröstet Visakha am Ende der Episode, er verurteilt sie nicht für ihre Trauer.

    Wie der Buddha in der Kommentarliteratur regelmäßig mit einem Arzt verglichen wird, der diagnostiziert statt verurteilt, und was die drei Dukkha-Ebenen konkret bedeuten: Dukkha – was der Buddha wirklich mit Leiden meinte

    Mahayana: Warum wird das Leiden hier freiwillig gesucht?

    Im Mahayana-Buddhismus wird Leiden nicht nur erduldet, sondern bewusst aufgesucht – aus Mitgefühl. Im Vimalakirti-nirdesa-Sutra erklärt der Laienmeister Vimalakirti seine Krankheit damit, dass alle fühlenden Wesen krank sind und er sich mit ihnen identifiziert. Der Gelehrtenmönch Shantideva (ca. 685–763) verdichtet diese Haltung in seinem Bodhisattva-Gelübde: Er will so lange in der Welt bleiben, wie es Leiden gibt, um zu helfen. Das ist das Gegenteil von Flucht – freiwilliges Hineingehen statt Entkommen.

    Der Theravada-Kanon beschreibt Dukkha als etwas, dem man entkommen soll. Im Mahayana, bzw Sutrayana-Buddhismus taucht ein paar Jahrhunderte später eine fast gegenteilige Bewegung auf: Leiden wird dort nicht nur erduldet, sondern bewusst gesucht – aus Mitgefühl.

    Im Vimalakirti-nirdesa-Sutra, einem der einflussreichsten Sutrayana-Texte, liegt der Laienmeister Vimalakirti krank im Bett. Als der Bodhisattva Manjushri ihn besucht und nach dem Grund seiner Krankheit fragt, antwortet Vimalakirti:

    „Because all beings are sick, I am also sick. […] A Bodhisattva’s illness is caused solely by great compassion.“

    Seine Krankheit ist eher Solidarität als eine biologische Tatsache: Er ist krank, weil alle fühlenden Wesen krank sind – so wie ein Elternteil mitleidet, wenn das eigene Kind Schmerzen hat. Das ist ein fundamental anderer Umgang mit Dukkha als die Theravada-Position „verstehe es, dann lass es los“. Hier wird das Leiden anderer zur eigenen Sache gemacht, nicht aus Masochismus, sondern aus Mitgefühl (Karuna).

    Diese Haltung findet ihren bekanntesten Ausdruck im Gelübde des indischen Gelehrtenmönchs Shantideva (ca. 685–763), verfasst im zehnten Kapitel seines Bodhicharyavatara. Die Legende erzählt, dass Shantideva – an der Klosteruniversität Nalanda für faul und talentlos gehalten, von Mitstudenten nur „Bhusuka“ genannt (zusammengesetzt aus den Silben für „essen“, „schlafen“ und „auf die Toilette gehen“) – zu einer Lehrrede eingeladen wurde, in der Erwartung, er werde scheitern.

    Tuschzeichnung vom Dalai Lama

    Stattdessen rezitierte er das gesamte Bodhicharyavatara und soll dabei, dem Bericht zufolge, am Ende körperlich emporgestiegen sein, bis nur noch seine Stimme im Raum zu hören war. Der Vers, den der 14. Dalai Lama bis heute immer wieder zitiert, lautet:

    „Solange der Raum besteht und solange es fühlende Wesen gibt, möge auch ich verweilen, um das Leid der Welt zu lindern.“

    (10. Kapitel, Vers 55)

    Während die Theravada-Lesart von Dukkha lautet „verstehe das Leiden, damit du frei davon wirst“, lautet die Sutrayana-Lesart: „verstehe das Leiden so gut, dass du freiwillig darin bleibst, um anderen zu helfen.“ Beide gehen vom selben Dukkha-Befund aus und würden vermutlich bei der Formulierung „Leben ist leiden“, nicken. Die ziehen nur unterschiedliche Konsequenzen daraus.

    Weil „Leben Leiden ist“, ist es richtig, sich von den Faktoren, die das Leiden verursachen zu trennen und die persönliche Befreiung anzustreben. Das ist der Theravada-Standpunkt. Die Sutrayana-Position ist: Weil es einen Weg zur Befreiung gibt, ist es notwendig, solange in diesen leidhaften Kreisläufen zu verweilen, bis alle fühlenden Wesen, diesen Weg zur Befreiung gegangen sind. Denn wie kann ich frei sein, wenn andere leiden?

    Unabhängig von der jeweiligen Ausrichtung: Wer auf seinem Pfad – Sutrayana, Theravada – weit fortgeschritten ist, wird die Faktoren, die das Leben leidhaft machen, schon sehr reduziert haben.

    Schopenhauer: War er wirklich ein westlicher „Buddhaist“?

    Ja, in seinen eigenen Worten. Arthur Schopenhauer bezeichnete sich in privaten Briefen von 1856 selbst zeitweise als „Buddhaisten“ und schrieb, seine Philosophie stimme „wundervoll“ mit der Lehre des Buddha überein. Seine eigene, vom Pali-Kanon unabhängige Formel – „das Leben ist ein dauernder Jammer“, weil der Wille nie endgültig befriedigt werden kann – klingt erstaunlich nah an „Leben ist Leiden“. Ein Großteil dessen, was im Deutschen als „buddhistische Aussage über das Leben“ gilt, ist tatsächlich durch Schopenhauers pessimistischen Filter gelaufen.

    Der Satz „Leben ist Leiden“ hat noch eine dritte Quelle, die selten genannt wird: die deutsche Philosophie des 19. Jahrhunderts.

    Arthur Schopenhauer entdeckte den Buddhismus über Übersetzungen, die in seiner Zeit verfügbar wurden und fand darin eine Bestätigung seiner eigenen Philosophie wieder. In einem Brief an Julius Frauenstädt vom 13. Mai 1856 bat er darum, eine Buddha-Statue zu vergolden und in einem Brief an Adam von Doss vom 25. Februar 1856 schrieb er, seine Philosophie stimme „wundervoll“ mit der Lehre des Buddha überein. Schopenhauer bezeichnete sich selbst zeitweise als „Buddhaisten“. Für den Buddha ist das Leiden im Gegensatz zur Meinung Schopenhauers durch das Aufgeben von Tanhā (Begehren/Durst) beendbar (Dritte Edle Wahrheit). Für Schopenhauer hingegen ist der „Wille“ eine metaphysische Urkraft, die sich niemals dauerhaft beruhigen lässt – bei ihm ist die Erlösung eher ein temporärer Zustand (durch Kunstästhetik) oder die totale Verneinung des Willens.

    Seine eigene Formel für das Leiden, unabhängig vom Pali-Kanon formuliert:

    „Der Wille ist ewig erneuerte Begierde, zielloses Streben. Unbefriedigtsein und daher Unlust ohne Ziel und Ende. […] Daß wir überhaupt wollen ist unser Unglück …… Aber das Wollen kann nie befriedigt werden; daher hören wir nie auf zu wollen, und das Leben ist ein dauernder Jammer.“

     „Leben ist Leiden“, ist davon nicht so verschieden. Über das buddhistische Nirvana schrieb er:

    „Die Buddhisten aber bezeichnen, mit voller Redlichkeit, die Sache bloß negativ, durch Nirvana, welches die Negation dieser Welt oder des Sansara ist.“

    Bemerkenswert ist, dass Schopenhauer den Buddhismus dabei keineswegs nur als Bestätigung seines Pessimismus liest. An anderer Stelle leitet er aus derselben Lehre eine Ethik des Mitgefühls ab, die er ausdrücklich auch auf Tiere ausweitet – zu einer Zeit, in der das in der europäischen Philosophie alles andere als selbstverständlich war:

    „Mitleid mit Tieren ist so innig mit der Gutartigkeit des Charakters verbunden, daß man ziemlich zuversichtlich behaupten kann, daß wer gegen Tiere grausam ist, kein guter Mensch sein kann.“

    Und über das Verhältnis von Intuition und begrifflichem Wissen, das er ebenfalls in Verbindung mit buddhistischem Denken sah:

    „Alle Wahrheit und alle Weisheit liegt zuletzt in der Anschauung.“

    Das ist die eigentliche Pointe: Ein guter Teil dessen, was im deutschsprachigen Raum als „die buddhistische Aussage über das Leben“ gilt, ist nicht direkt aus dem Pali-Kanon übersetzt, sondern durch den Filter eines Philosophen gelaufen, der selbst zutiefst pessimistisch war und im Buddhismus eine Bestätigung seines eigenen Weltbilds suchte – und fand. „Leben ist Leiden“ klingt nach Schopenhauer, weil es zu einem guten Teil auch durch ihn hindurch zu uns gekommen ist.

    Gleichzeitig zeigt sein Mitleids-Argument, dass aus der Diagnose „Leben enthält Leiden“ bei ihm – ähnlich wie im Sutrayana (Mahayana) – keine Kälte folgt, sondern eine Verpflichtung zum Mitgefühl.

    BoJack Horseman: Wie taucht die Lehre in einer Netflix-Serie wieder auf?

    Der Blogger Kyle Decker liest in „BoJack and Buddhism“ die ersten drei Edlen Wahrheiten direkt aus der Serie heraus. BoJack, Diane und Princess Carolyn sind alle von Tanhā getrieben, der Sehnsucht, dass ein bestimmter Erfolg endlich Zufriedenheit bringt. Je stärker eine Figur an diesem Muster hängt, desto unglücklicher ist sie. Die Gegenfigur Todd Chavez zeigt, was passiert, wenn man die Erwartung loslässt: Der Schmerz verschwindet, ohne dass sich an der Realität etwas ändert – fast genau die Struktur der zweiten und dritten Edlen Wahrheit.

    Der Autor und Blogger Kyle Decker hat in seiner Analyse „BoJack and Buddhism“ gezeigt, wie eng die Idee der Serie mit dem Motiv „Leben ist Leiden“ verknüpft ist.

    Decker liest die ersten drei Edlen Wahrheiten direkt aus der Handlung heraus: BoJack, Diane und Princess Carolyn sind alle von Tanhā getrieben – der Sehnsucht, dass ein bestimmter äußerer Erfolg (ein Buch, ein Film, ein Oscar, eine Familie) endlich Zufriedenheit bringt. Decker zitiert BoJacks immer gleiches Muster: „Once this book comes out, I will be happy. […] Once I have an Oscar, I will be happy.“ Die Figuren, die in der Serie am unglücklichsten sind, sind die mit der stärksten Bindung an genau dieses Muster.

    Tuschzeichnung vom Oscar

    Die Gegenfigur ist Todd Chavez, der seinem Freund BoJack vergibt, weil er erkennt, das es er in erster Linie deswegen von BoJack verletzt wird, weil er falsche Erwartungen an ihn stellt:

    „As you know, I was hurt. But, then I realized that’s just how you are. Maybe I should just stop expecting you to be a good person, so that way I won’t get hurt when you’re not.“

    Die Erwartung (Tanhā) erzeugt den Schmerz, nicht die Handlung des anderen selbst. Lässt Todd die Erwartung los, verschwindet ein Großteil des Leidens, ohne dass sich an der Realität etwas ändert.

    Was mit „ein Großteil“ gemeint ist, zeigt die Metapher mit den zwei Pfeilen: Jemand wird von einem Pfeil getroffen. Das ist der erste Pfeil. Die Geschichten, das Drama, das Schwelgen im Selbstmitleid, ist der zweite Pfeil.

    Decker unterscheidet in seiner Analyse außerdem drei Spielarten von Tanhā, die er in der Serie wiederfindet: Bhava-Tanhā, das Verlangen nach Werden oder Status (BoJacks Sucht nach Anerkennung), Vibhava-Tanhā, das Verlangen, etwas (oder sich selbst) zu vernichten oder zu vermeiden (BoJacks Selbstsabotage und Suchtverhalten), und Kama-Tanhā, das Verlangen nach Sinnesfreuden (Mr. Peanutbutters rastlose Suche nach dem nächsten Projekt).

    Princess Carolyns Dauer-Mantra „mmm, nope“ liest Decker als komprimierte Form von Vibhava-Tanhā: die Weigerung, im gegenwärtigen Moment überhaupt anzukommen.

    Die Figur, die Decker als beinahe erleuchtet beschreibt, ist der Nebencharakter Cuddlywhiskers, der freiwillig auf Reichtum und Ruhm verzichtet:

    „I’m happy, for the first time in my life. […] Only after you give up everything, can you begin to find a way to be happy.“

    Wenigstens gibt es einen Ausweg

    Ein Mönch-Blogger im Streit mit seinen eigenen Lesern, ein Mahayana-Sutra, ein deutscher Philosoph des 19. Jahrhunderts, eine Netflix-Serie – was alle vier Perspektiven teilen: Dukkha ist der „Sound“ unserer gesamten Existenz und betrifft nicht nur Extremfälle. Er hat eine Ursache, die mit Anhaftung und Erwartung zu tun hat, aber nicht mit dem Leben selbst als feindlicher Macht.

    „Leben ist Leiden“ ist also weder eine Erfindung noch ein wörtliches Zitat des Buddha. Es ist eine Verdichtung – entstanden über Jahrhunderte, durch Übersetzung, Philosophie und Popkultur hindurch – die etwas Wahres trifft (Dukkha ist überall) und dabei etwas Entscheidendes verliert (dass es eine Ursache hat, die behandelbar ist).

    Leben ist leiden. Aber live is life!

    „Leben ist Leiden“, Dukkha, ist am besten im Kontext der Vier Edlen Wahrheiten zu verstehen.

    Nirvana im Buddhismus


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