Collage mit der Shilouette eines Medtierenden in der Mitte. Drumherum ausgerissene Seiten, die Pretas, Hungergeister und andere Dämonen aus dem buddhistischen Kontext zeigen.

Wie viele Hungergeister passen auf ein Meditationskissen?

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Hungergeister im Buddhismus: wörtlich, symbolisch oder falsch gefragt? Bodhi, Batchelor und Ṭhānissaro zur Wiedergeburt

Der Buddhismus ist eine Religion, die man sich auch wie einen Laborkittel überziehen kann. Ihre jahrhundertealten Methoden der Geistesschulung verändern nachweislich das Gehirn. Karma – oft verkürzt als Prinzip von Ursache und Wirkung verstanden – klingt nach der Basis moderner Wissenschaft: Nachprüfbarkeit. Und der illusionäre Charakter der Wirklichkeit oder das „Nicht-Selbst“ lassen sich nahtlos in eine Vorlesung über Dekonstruktivismus, Tiefenpsychologie und Quantenphysik einbinden: Alles ist mit allem verbunden und existiert am Ende doch nicht so wie gedacht. Jede*r, die/der – wie ich – irgendwo mal was von mehrdimensionalen Räumen, Verschränkungen und spukhaften Fernwirkungen gehört hat, fühlt den „Vibe“: Wer auf der U.S.S. Enterprise arbeitet, ist irgendwie Buddhist. Denn Buddhismus ist für alle, die Transzendenz wollen, aber nur, wenn es Netz und doppelten Boden gibt. Nach dem Motto: Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde – die sich alle mit (moderner) Schulweisheit träumen lassen.
Einerseits.
Andererseits: Wer Vajrasattva-Reinigungsrituale praktiziert, stellt sich ölig-schwarze Miasmen vor, die aus den Poren quellen und von Dämonen gefressen werden. Apropos, was ist mit den Pretas, den Hungergeistern, die mit stecknadelkopfgroßen Mündern und aufgeblähten Hungerbäuchen in einem der sechs Daseinsbereiche herumirren?
Alles nur Inventar, das der/die Gelehrte sofort als Sinnbild komplexer psychologischer Prozesse zu deuten versteht. Wie viel Transzendenz kann man sich als guter Buddhist erlauben, bevor aus Mythos Kokolores wird? Laut Kālāma-Sutta soll man alles selbst prüfen – aber Zweifel gilt wiederum auch als eines der fünf Hindernisse – aber am Ende ist Religion doch eh nur Opium fürs Volk. Das zumindest trifft voll auf mich zu. Denn ich frage mich:

Bin ich vielleicht nur deswegen Buddhist, weil etwas, das „irgendwie“ was mit mir zu tun hat, doch ewig ist – aber ohne den Schlamm der christlichen Wiederauferstehung?

Immerhin: Das „Bewusstseinskontinuum“, das sich von einem Moment auf den anderen fortsetzt, ursächlich, wirksam, schrammt doch knapp an einer ätherischen Variante der Wiederauferstehung vorbei: Aber weniger mit Dreck und Erde verschmiert und an Zombies erinnernd. Ich will die Gammawellen, die durch Metta-Meditation entstehen, aber nicht die Asuras, die Halbgötter. (Höchstens als Code für die menschliche Existenz – das zum Streben verdammte, immer unzufriedene, „nicht festgestellte Tier“ (Nietzsche).) Mein Lehrer meinte vor einiger Zeit in einem Teaching sinngemäß, dass wir dem Buddhismus nicht das religiöse Rückgrat herausoperieren sollten, um ihn dann in eine New-Age-Quantenmechanik zu verwandeln. Weil ich Vajrayana praktiziere – oder das, was ich dafür halte –, finde ich das mit den Dämonen auch ganz plausibel und erschrecke vor mir selbst: An Dämonen zu glauben ist der erste Schritt Hexen zu verbrennen. Also noch mal zurück.
Will ich eine Religion oder unendliche, atemberaubende Transzendenz – mit Netz und doppeltem Boden? Ist meine Interpretation von „Pretas“ (Hungergeistern) als Schatten meiner unbefriedigten Begierden Ausdruck kleinkarierter Spießbürgerlichkeit? Dazu gibt es drei Positionen: Ja, Nein – und: Die Frage ist falsch gestellt. Welche?
Sind Hungergeister nur die Schatten der eigenen Begierden?
Die Antworten kommen von drei Autoren, die sich seit Jahrzehnten an der Wiedergeburt abarbeiten. Mit der wiederum kommen die Hungergeister. Denn wer die Wiedergeburt streicht, streicht die Daseinsbereiche gleich mit.

Ja: Bhikkhu Bodhi – die Bereiche sind wörtlich gemeint

Bodhi kennt die modernen Ausweichmanöver. Die einen tun die Wiedergeburt als „altindische Metaphysik“ ab, die der Buddha aus Rücksicht auf seine Zeit mitschleppte. Die anderen deuten die Bereiche als Symbole psychologischer Archetypen. Wieder andere halten die Textstellen für spätere Einschübe (Bodhi, Does Rebirth Make Sense?).

Bodhi hält dagegen: Die Lehre taucht fast überall im Kanon auf. Wer sie entfernt, reißt den Dhamma „in Fetzen“. Und wenn die Suttas von den fünf (sechs mit den Halbgöttern) Bereichen sprechen – Höllen, Tierwelt, Geisterreich – die Preta-Welt –, Menschenwelt, Himmel –, deuten sie nie an, dass diese Begriffe symbolisch gemeint sind. Im Gegenteil: Wiedergeburt geschehe „beim Zerfall des Körpers, nach dem Tod“ (Bodhi).

Einen Beweis verspricht Bodhi nicht. Er will zeigen, dass die Wiedergeburt Sinn ergibt, und räumt ein: „Es gibt keinen logischen Weg, die Gültigkeit von Wiedergeburt und Karma zu beweisen“ (Bodhi). Sein Hauptargument ist ethisch. Innerhalb eines Lebens geht die moralische Rechnung nicht auf: Skrupellose leben oft glücklich, Integre leiden. Ohne Fortleben teilten Hitler und ein Mensch, der sein Leben für Fremde opfert, dasselbe Schicksal – das Nichts. Dagegen sträubt sich eine tiefe Intuition, und die hält Bodhi für mehr als Projektion: Sie spiegle eine objektive moralische Ordnung (Bodhi).

Bodhi gibt zu, dass sich dieses Moralgesetz nicht experimentell zeigen lässt wie ein physikalisches. Es wirke eben „wie Quarks und Quasare“ jenseits der Wahrnehmungsschwelle (Bodhi). Und gegen die Wiederauferstehung im Ätherkleid hätte er Einspruch: Was weiterwandert, ist „kein Selbst, keine Seele“, sondern ein Strom flüchtiger Bewusstseinsakte. Jede Tat hinterlässt darin einen Samen, der später Frucht trägt (Bodhi).

Bodhis Antwort auf die Spießbürgerfrage fällt also deutlich aus. Über eine Lesart, die den Buddhismus aufs Psychologische zurückschneidet, schrieb er schon 1998: Am Ende bleibe „ein psychologisch orientierter Humanismus, gefärbt mit buddhistischer Philosophie und meditativer Stimmung“ (Bodhi, Rezension von Buddhism Without Beliefs, 1998). Gemeint war Stephen Batchelor.

Nein: Stephen Batchelor – die Bereiche sind Projektionen

Batchelor kennt die Tradition von innen. Er war zuerst tibetischer Mönch, später Mönch im koreanischen Zen (Tricycle, Starting from Scratch, 2010). Schon damals kamen ihm Zweifel „am Glauben an Wiedergeburt, an verschiedene Daseinsbereiche und so weiter“ (Tricycle 2010).

Er bestreitet nicht, dass der historische Buddha die Wiedergeburt lehrte. Das sei „unbestreitbar“. Aber es gebe eine dritte Möglichkeit neben Glauben und Leugnen: den Agnostizismus – ehrlich einzugestehen, dass man es nicht weiß (Batchelor, Rebirth: A Case for Buddhist Agnosticism, 1992). Wichtig sei das Karma, die Wiedergeburt zweitrangig. Wer an ihr festhalte, statt sie als nützliches Symbol oder als Hypothese zu nehmen, könne „spirituell ersticken“ (Batchelor 1992).

Zu den Daseinsbereichen findet sich bei ihm ein einziger, aber klarer Satz. Die Lehre von den sechs Bereichen – Götter, Halbgötter, Menschen, Tiere, Geister und Höllenwesen – verrate einen „notwendigen Anthropomorphismus“: „Alle diese Bereiche (außer dem der Tiere) sind imaginative Erweiterungen von Aspekten der menschlichen Lage“ (Batchelor 1992). Zu den Hungergeistern im Einzelnen äußert er sich nicht.

Für die Dämonen gilt dasselbe. Der „Teufel“, Māra, sei eine Art, über das zu sprechen, was uns den Weg versperrt und uns festgefahren fühlen lässt. Buddha und Māra seien „bildhafte Weisen“, einen Gegensatz in der menschlichen Natur darzustellen. Sobald der Buddha aufhörte, Gedanken und Gefühle zwanghaft als „ich“ oder „mein“ zu nehmen, konnte Māra ihm nichts mehr anhaben (Batchelor, Living with the Devil, Tricycle 2004). Batchelor weiß, dass traditionelle Buddhisten Māra für einen Gott halten, der auf die Erde herabsteigt. „Aber ich lebe nicht in einer Welt voller Götter und Geister, die auf magische Weise erscheinen und verschwinden.“ Das Übernatürliche hält er für ein „enormes Hindernis“, wenn man buddhistische Ideen vermitteln will (Tricycle 2004).

Und die Sorge vor dem Scheiterhaufen teilt er auf seine Weise: Buddhisten könnten in ihren Ansichten über Karma und Wiedergeburt so glühend und irrational sein wie Christen und Muslime (Tricycle 2010). Sein Programm fasst ein Satz zusammen: „Den Dharma glaubt man nicht, man tut ihn“ (Batchelor, Buddhism Without Beliefs, Auszug, Tricycle 1997).

Bodhis Einwand dagegen: Batchelor verwerfe Lehren des Buddha, sobald sie seiner Agenda widersprechen – und ohne Wiedergeburt verlören die vier edlen Wahrheiten „ihre Tiefe und Reichweite“ (Bodhi 1998).

Die Frage ist falsch gestellt: Ṭhānissaro Bhikkhu

Ṭhānissaro beginnt dort, wo der Laborkittel herkommt. Im 18. und 19. Jahrhundert lösten europäische Romantiker und amerikanische Transzendentalisten die Psychologie der Bibel aus ihrer Kosmologie heraus, weil die neue Wissenschaft das biblische Weltbild erschütterte. Daraus entstanden liberales Christentum und Reformjudentum. Viele moderne buddhistische Lehrer wollen mit der Wiedergeburt dasselbe tun (Ṭhānissaro, The Truth of Rebirth, Kap. 1). Ihr Argument, im alten Indien hätten ohnehin alle an Wiedergeburt geglaubt, stehe „völlig auf dem Kopf“ (Kap. 1).

Denn die Wiedergeburt war umstritten. Der Materialist Ajita Kesakambalin lehrte, mit dem Tod sei alles aus (Kap. 2; DN 2). Prinz Pāyāsi ließ Verurteilte lebend in Tonkrüge einsiegeln, um die Seele entweichen zu sehen, und wog sie vor und nach dem Erdrosseln (Kap. 2; DN 23) – Laborbuddhismus avant la lettre. Selbst die Kālāmas, deren Sutta heute als Freibrief fürs Selberprüfen gilt, zweifelten. Der Buddha gab ihnen „vier Tröstungen“, die gelten, ob es ein Leben nach dem Tod gibt oder nicht (Kap. 2; AN 3.65).

Auch das Pfeil-Argument dreht Ṭhānissaro um. Zu Streitfragen wie der, ob der Kosmos ewig ist, schwieg der Buddha (MN 63). Zur Wiedergeburt aber bezog er Stellung – warum? Weil sie zu seinem Erwachen gehörte und weil die Lehre vom heilsamen Handeln ohne den Blick über viele Leben unvollständig bliebe (Kap. 3).

Das Netz mit doppeltem Boden lässt Ṭhānissaro nicht gelten. Ein bloßes „Ich weiß es nicht“ genüge nicht, denn bei jeder Handlung trifft man Annahmen über ihre Folgen (Kap. 3). Glaube heißt bei ihm nicht, Unwissbares zu behaupten. Glaube heißt, die eigene Unwissenheit einzugestehen und die Annahmen zu übernehmen, die ein Weg zum Glück braucht (Kap. 3). Die Wiedergeburt ist eine Arbeitshypothese, eine Wette (Einleitung).

Und hier löst sich die Spießbürgerfrage auf. Was wiedergeboren wird, lässt Ṭhānissaro offen – wie der Buddha, der auf die Frage „Wessen Geburt?“ antwortete: „Keine gültige Frage“ (Kap. 5; SN 12.35). Der Buddha habe sich sogar geweigert zu sagen, ob irgendein Selbst existiert (Kap. 5). Ein „Wesen“ ist man dort, wo man an Begehren festhängt. In diesem Sinn kann ein Wesen an einem einzigen Tag viele Male geboren werden und sterben (Kap. 6; SN 23.2). Die Vorgänge, die von Moment zu Moment ablaufen, seien dieselben, die von Körper zu Körper führen (Kap. 6).

Die Preta-Deutung als Schatten der Begierde ist für Ṭhānissaro also nicht falsch, sondern halb. Wer die Lehre nur auf die Mikro-Ebene der Geisteszustände beschränkt, unterschätze, wie viel langfristiges Leid gegenwärtige Geistesvorgänge erzeugen können. Wer sie nur auf die Makro-Ebene beschränkt, könne nicht mehr in der Gegenwart beobachten, wie Geburt und Leid entstehen (Kap. 4). Die Hungergeister bleiben dabei im Spiel: Weit mehr Wesen, heißt es im Gleichnis vom Staubkorn, werden nach dem Tod in der Hölle, im Tierreich oder im Bereich der Hungergeister wiedergeboren als unter Menschen (Kap. 7; SN 56.102).

Den Laborkittel zieht Ṭhānissaro am Ende selbst aus. Die Naturwissenschaften könnten die Wiedergeburt weder beweisen noch widerlegen (Kap. 8). Und die Fragen, die die Neurobiologie an das Bewusstsein stellt – Was ist personale Identität? Was für ein Ding ist Bewusstsein? –, seien genau die Fragen, die der Buddha unweise Aufmerksamkeit nannte (Kap. 8). Wer seine selbst gesetzten Grenzen nicht aufgeben wolle, könne trotzdem von allem profitieren, was hineinpasst – nur seien dann auch die Ergebnisse begrenzt (Kap. 8).

Die drei Antworten im Überblick

BodhiBatchelorṬhānissaro
Pretas als Schatten der Begierde?Zu wenig: Die Bereiche sind wörtlich gemeint (Q)Ja: „imaginative Erweiterungen der menschlichen Lage“ (Q)Halb richtig: Mikro- und Makro-Ebene gelten beide (Q)
Wiedergeburtwörtlich, ergibt ethisch Sinn (Q)Agnostizismus (Q)Arbeitshypothese, Wette (Q)
Was wird wiedergeboren?ein Bewusstseinsstrom, keine Seele (Q)–„keine gültige Frage“ (Q)
Dämonen / Māra–Bild für das, was uns blockiert (Q)–
WissenschaftMoralgesetz wie Quarks: real, nicht messbar (Q)Übernatürliches als Hindernis (Q)kann die Frage nicht entscheiden (Q)

Lieber ein realer Hungergeist als ein getarntes Awareness-Coaching

Ich bleibe bei Bodhi. Nicht, weil ich die Hungergeister schon einmal gesehen hätte. Sondern weil sie etwas können, was mein Schatten der Begierde nicht kann: Sie erschrecken mich. Die Tradition nennt dieses Erschrecken saṃvega. Der Buddha hat es mit Bildern geweckt, die man nicht wegdeuten mag: Die Tränen, die wir über den Tod unserer Mütter vergossen haben, sind mehr als das Wasser der vier Ozeane (SN 15.3, zitiert bei Ṭhānissaro, Kap. 4).

Ohne diesen Schrecken bleibt, was Bodhi schon 1998 befürchtete: ein psychologisch orientierter Humanismus mit meditativer Stimmung (Bodhi 1998). Erleuchtung wäre dann eine gelungene Burnout-Prävention. Gleichmut, der bis zur Rente reicht (Ṭhānissaro, Kap. 7).

Und die Hexenverbrennung? Wer an Hungergeister glaubt, verbrennt sie nicht. Er füttert sie. In Sri Lanka und Thailand rezitierte man bei Totenfeiern die Verse über die Verstorbenen, die „außerhalb der Mauern“ stehen und auf Gaben warten (Tirokuḍḍa Sutta, Übers. Seidenstücker). In Japan speist man sie zu Obon (religion.ORF.at).

Und wie viele Hungergeister passen auf ein Meditationskissen? Mindestens einer. Der, der draufsitzt. Und vielleicht noch ein paar, die er nicht sieht.


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