Illustration vom Buddha mit einer Blume in seiner Hand. Symbolbild für Zen Buddhismus

Zen Buddhismus für alle, die nicht lange sitzen wollen

Avatar von Sven

Zen ist, neben dem Dalai Lama und Buddha-Statuen im Gartencenter, das erfolgreichste Exportprodukt des Buddhismus im Westen. Minimalistische Deko, ein Wort für „einfach mal die Klappe halten und sitzen“, ein Gefühl von fernöstlicher Klarheit, das sich gut auf Yogamatten-Verpackungen macht.
Zen hat mich zum Buddhismus geführt.

Die Perfektion der Einfachheit, die Strenge in der Spontanität, die Exotik und überhaupt – verschneite Berggipfel, fallende Kirschblüten, Meister mit langen, weißen Ziegenbärten und dazu oft derbe Zen-Geschichten – all das verschmolz zu zwei Worten: Zen-Buddhismus. Wie richtig oder falsch das ist, kann jede selbst beurteilen. Vorausgesetzt, man kann die Folklore vom Inhalt trennen. Dieser Artikel kann dafür (d)ein erster Anfang sein.

Inzwischen bin ich übrigens in einer anderen Ecke in der schillernden „Buddhismus-Welt“ gelandet. Aber die Faszination für Zen ist geblieben.

Was ist Zen-Buddhismus?

Zen ist eine ostasiatische Schule des Mahāyāna-Buddhismus, die direkte Erfahrung durch sitzende Meditation über das Studium von Texten stellt. Der Name kommt aus dem Sanskrit dhyāna (Versenkung) über das chinesische chán bis zum japanischen zen. Die im Internet kursierenden „sieben Prinzipien des Zen-Buddhismus“ sind dagegen ein modernes Konstrukt ohne kanonische oder historische Grundlage.

Zen ist misstrauisch gegenüber Begriffen, gegenüber der Vorstellung, Erwachen ließe sich in Sätzen einfangen. Das macht die Schule so leicht plünderbar für alles, was nach Weisheit aussehen soll, ohne eine zu formulieren.

Ich finde es fast ironisch, dass ausgerechnet eine Tradition, die Begriffen misstraut, im Netz mit derselben Sieben-Punkte-Listenlogik verkauft wird wie Zahnpasta oder Projektmanagement-Seminare.

Das eigentliche Kernstück von Zen ist eher eine Übung als eine Lehre: hinsetzen, den eigenen Geist beim Denken beobachten und irgendwann merken, dass die meisten Gedanken, mit denen man sich identifiziert, eigentlich wie Spam-Mails sind, die man am besten gleich gelöscht hätte, anstatt sie zu vertiefen – zu „öffnen“, um im Bild zu bleiben.

Was ist Zazen und wie unterscheidet es sich von Meditation?

Zazen ist die sitzende Praxis des Zen – wörtlich „Sitz-Versenkung“ (za = sitzen, zen = Versenkung). Anders als viele westliche Meditationsformen zielt Zazen in der Sōtō-Tradition nicht auf einen bestimmten Zustand ab, sondern gilt selbst schon als Ausdruck des Erwachtseins: „Shikantaza“, nur Sitzen, ohne Technik, ohne Ziel, ohne Erreichen-Wollen.

Wie genau man sitzt, wie lange, mit welcher Atemtechnik — das ist ein eigenes, großes Thema, das ich an anderer Stelle im Detail behandle. Hier nur so viel: Selbst das klassische Anleitungsschreiben zum Zazen, Dōgens Fukanzazengi, ist keine zeitlose Urkunde.

Es soll 1227 entstanden sein, existiert aber als eigenhändiges Manuskript erst mit einem Vermerk von 1233 und die heute meistgelesene Fassung stammt laut dem Zen-Forscher Carl Bielefeldt frühestens aus dem Jahr 1242, weil sie Formulierungen aus einem viel späteren Dōgen-Text übernimmt. Der Praxisteil selbst ist zudem größtenteils aus einem älteren chinesischen Meditationshandbuch übernommen, dem Zuochan Yi . Auch das „uralte“ Zazen-Anleitungsschreiben ist also eine Bearbeitung.

Was unterscheidet Rinzai von Sōtō?

Sōtō betont Shikantaza, das ziellose Sitzen, als eigenständige Praxis. Rinzai arbeitet dagegen mit Kōans – Rätselfragen wie „Wie klingt das Klatschen einer Hand?“ – die den begrifflichen Verstand an seine Grenze treiben sollen, oft in strukturierten Einzelgesprächen mit einem Lehrer. Beide gehen auf chinesische Chan-Linien zurück, kamen aber getrennt nach Japan.

Dōgen brachte die Sōtō-Linie 1227 aus China nach Japan und gründete 1243 das Kloster Eihei-ji, bis heute einer der beiden Hauptsitze der Schule. Rinzai geht auf eine ältere chinesische Linie zurück und wird in Japan vor allem mit der Kōan-Systematik in Verbindung gebracht, die man heute kennt.

In der Praxis heißt das: Ein Sōtō-Übender sitzt Zazen ohne Zwischenziel, oft in langen, stillen Blöcken, manchmal dem Gesicht zur Wand. Ein Rinzai-Übender sitzt auch, geht aber regelmäßig zum Lehrer, um mit einer zugewiesenen Kōan-Frage konfrontiert zu werden und wird dabei oft ziemlich unsanft aus jeder bequemen Antwort herausgestoßen. Beides ist Zen. Beides fühlt sich, wenn man es zum ersten Mal erlebt, komplett unterschiedlich an.

Nicht Hakuin Ekaku (1686–1769) hat die feste Frage-Antwort-Systematik der Kōan-Ausbildung geschaffen, wie es oft heißt. Er hat die Praxis mit „unermüdlichem Eifer“ wiederbelebt und für einfache Menschen zugänglich gemacht — die eigentliche Systematisierung mit festen Fragen und Antworten stammt erst von zwei Schülern seines Dharma-Enkels Gasan Jitō: Inzan Ien und Takujū Kosen. Praktisch jede heutige Rinzai-Linie in Japan geht auf diese beiden zurück, nicht direkt auf Hakuin.

Ist Zen chinesisch oder japanisch?

Beides. Das Wort geht auf das Sanskri Wort dhyāna („Versenkung“) zurück, wurde im Chinesischen zu chán und im Japanischen zu zen. Die Praxis wanderte über Jahrhunderte von Indien über China nach Japan, wo sie den Namen bekam, unter dem sie heute im Westen bekannt ist.

Ich hätte auf diese Frage früher instinktiv „japanisch“ geantwortet, einfach weil jedes Bild dazu einen Steingarten oder einen Mönch in schwarzer Robe zeigt. Sprachwissenschaftlich lässt sich die Kette fast lückenlos zurückverfolgen: „Das Sanskrit-Wort leitet sich von der Wurzel dhyā-, dhī- ab, ‚sehen, betrachten’“ – vom Sanskrit über das Chinesische zum japanischen zen, das seinerseits „bereits 1727 in den englischen Wortschatz aufgenommen wurde“ (in eigener Übersetzung).

Chart, dass Zeigt wie häufig Zen Buddhismus in Büchern genannt wird. Peaks in den 1930, 1950er und 1980er Jahren
Mit dem Google Ngram-Viewer zeigt sich, mit welcher Häufigkeit „Zen Buddhismus“ in Büchern erwähnt wird. Deutliche Peaks sind jeweils Anfang der 1950er, 1980er und 2010er Jahre sichtbar.

Das ist der Grund, warum die Frage „chinesisch oder japanisch“ eigentlich falsch gestellt ist. Es ist, als würde man fragen, ob Kaffee eigentlich äthiopisch oder italienisch ist. Beides stimmt, an unterschiedlichen Stationen derselben Reise. Nur ist bei Zen die japanische Station diejenige, die dem Westen den Namen gegeben hat — und mit ihm ein Bild, das oft japanischer aussieht, als die Geschichte tatsächlich ist.

Im Englischen und damit auch im deutschen Sprachgebrauch ist „Zen“ inzwischen zum Sammelbegriff für die ganze ostasiatische Familie geworden — für das koreanische Seon genauso wie für das vietnamesische Thiền, obwohl beide eigene Namen und eigene Geschichten haben. Das ist praktisch für Übersichtsartikel und unpräzise für alles andere. Wer „Zen“ sagt und Korea meint, meint eigentlich Seon, nur eben mit dem bekannteren Etikett drauf.

Hat der Buddha das Zen gegründet?

Die Geschichte, der Buddha habe seinem Schüler Mahākāśyapa wortlos eine Blume gereicht und ihm damit die Lehre direkt übertragen, taucht erstmals 1036 n. Chr. schriftlich auf, rund 1.500 Jahre nach dem Tod des Buddha. In den frühen buddhistischen Texten kommt sie nicht vor.

Der Legende nach hält der Buddha eine Blume hoch, sagt nichts, fast alle Mönche verstehen nichts — nur Mahākāśyapa lächelt, weil er es begriffen hat. Kein Wort, keine Lehrrede, nur ein direkter Blick von Geist zu Geist.

Berühmt wurde sie vor allem durch ihre Aufnahme als Fall 6 in eine der zentralen Kōan-Sammlungen des Zen, das Wumenguan, das der chinesische Meister Wumen Huikai 1228 zusammenstellte.

Ob sie sich wirklich so zugetragen hat, sei dahingestellt. Sicher ist jedenfalls, dass der Dharma, die Lehre, „der Buddhismus“, viele Wege hat, die zum Ziel, der Erleuchtung führen. Zen ist ein Pfad jenseits der Worte, der unmittelbaren Erfahrung.

Ist Zen dasselbe wie Buddhismus allgemein?

Nein. Zen ist eine einzelne Schule innerhalb des Mahāyāna-Buddhismus, mit eigener Geschichte in China und Japan und eigenen Schwerpunkten. Andere Traditionen wie Theravāda oder der tibetische Buddhismus haben eigene Meditationsformen, eigene Textsammlungen und teils andere Prioritäten als die direkte, wortlose Erfahrung, die Zen betont.

Können Christen oder Katholiken Zen praktizieren?

Es gibt sowohl christliche Gruppen, die Zazen ausdrücklich in ihre Praxis integrieren, als auch klar ablehnende Stimmen auf beiden Seiten, die eine Vermischung für unvereinbar halten. Die reine Praxis, ohne den „weltanschaulichen“ Hintergrund sollte sich aber problemlos in einen religiösen Kontext übertragen lassen.

Warum wird Zen im Westen oft mit Minimalismus gleichgesetzt?

Weil die Ästhetik japanischer Zen-Klöster — leere Räume, wenige Objekte, Kieselgärten — im 20. Jahrhundert intensiv fotografiert, ausgestellt und vermarktet wurde, während die religiöse, klösterliche und ethische Struktur dahinter meist wegfiel. Übrig blieb vor allem ein Deko-Stil, losgelöst von der Praxis, aus der er eigentlich stammt.

Ist ein Kōan ein Rätsel mit einer richtigen Lösung?

Nicht im Sinne einer Denksportaufgabe mit einer Musterlösung. Ein Kōan soll den begrifflichen Verstand an seine Grenze bringen, nicht durch Scharfsinn gelöst werden. Ein Lehrer beurteilt die Antwort meist an der Verfassung und dem Auftreten des Übenden im Moment, nicht an einer vorher festgelegten, korrekten Formulierung.

Woher kommt das Wort „Kōan“?

Aus dem Chinesischen gōngàn, ursprünglich ein Begriff aus der Verwaltungs- und Rechtssprache für einen amtlichen Präzedenzfall, der als Muster für künftige Entscheidungen diente. Im Zen wurde daraus die Bezeichnung für eine Lehrfrage, an der sich Generationen von Übenden über Jahre hinweg abarbeiten.


Veröffentlicht

in

von

Schlagwörter:

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert